Laudatio für Ralf König (von Detlef Grumbach) (2010)

Laudatio von Detlef Grumbach

 

Osnabrück, 28. April 2010

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Pistorius,

sehr geehrte Abgeordnete aus Parlamenten und Vertreter von Regierungen,

liebe lesbischen, schwulen, heterosexuellen und sonstige Gäste hier im Osnabrücker Rathaus.

 

Lieber Ralf,

 

heute wirst du mit dem „Rosa Courage Preis für den Einsatz und besonderes Engagement für die Rechte und Bedürfnisse, vor allem wohl die Bedürfnisse, von Lesben und Schwulen” ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird zum 19. mal vergeben, keine runde, aber eine beachtliche Zahl. Die Preisverleihung wird organisiert vom Verein Gay in Mai – auch den Freundinnen und Freunden von Gay in May einen herzlichen Gruß und ein Dankeschön.

Beim 50sten Mal spätestens wird einer von Euch hier geehrt, oder aber das Problem wird sich erledigt haben. Heute aber ein König.

 

 

Stöhn.

Ächz. Schmatz. Stöhn.

Hm! Schleck. Schlürf.

Schmatz. Schlabber. Saug.

Hächel.

Türklapp.

Gacker.

Kreisch.

Türknall!

Prust.

Buffta Buffta Buffta.

 

An Ihren Reaktionen merke ich – Sie haben die Geschichte erkannt. Eine kleine Geschichte von Ralf König.Konrad und Paul, Norbert und Walter – irgend so etwas.

Ohne Bilder. Ohne Worte eigentlich auch.

Aber typisch für den Autor, den Zeichner, den Urheber, den wir heute hier ehren, den ich hier heute loben soll – und will!.

 

Darüber freue ich mich, lieber Ralf, denn wir beide wissen, ohne dich stände ich nicht hier.

Damit meine ich nicht, ohne dass du diesen Preis bekämest.

Es könnte dich ja auch ein anderer loben.

Aber ich stehe hier als einer deiner Verleger, und ohne dich oder wenigstens eines deiner Bücher nicht nur nicht dein Verleger, sondern gar keiner.

1992, nach dem großen Erfolg von „Der bewegte Mann”, kam Ralf König zum Buchladen Männerschwarm nach Hamburg und wollte ein kleines Buch nur für die Szene machen: „Bullenklöten”. Eine Auflage von 3.000 Exemplaren wurde verabredet, Vertrieb über die schwulen Buchläden – einen Verlag gab es da noch gar nicht. Aber es blieb nicht bei 3.000 Exemplaren. Es blieb auch nicht bei einem Buch nur für die Szene. Es wurden sehr schnell 50.000 Exemplare, später noch einmal so viele. Anfangs wurden zwei DM pro Buch als Spende eingesammelt und an Aidshilfen in Köln und Hamburg ausgezahlt, insgesamt kamen so einhunderttausend Mark zusammen, ganz einfach durch den rasanten Verkauf von „Bullenklöten“. Und plötzlich war das Geld da, um weitere Bücher zu machen. So wurde der Verlag Männerschwarm gegründet, so kam ich dann dazu und wurde Verleger – bin das seit 18 Jahren. Ohne Ralf König gäbe es keinen Männerschwarm Verlag, und wahrscheinlich wären viele der inzwischen fast 300 Bücher unseres Verlags niemals erschienen. Danke also schon mal dafür.

 

Aber jetzt geht es los.

 

Wir ehren heute mit Ralf König den wohl bekanntesten Comiczeichner Deutschlands. Einen gelernten Schreiner aus Westfalen, der mit neunzehn seine ersten Geschichten veröffentlicht hat, der in über dreißig Jahren über dreißig Bücher publiziert hat, die in fast dreißig Sprachen übersetzt worden sind –sind es zehn, sind es zwölf?

 

Kann man sein Markenzeichen auf einen Begriff bringen? Was könnte das sein? Ich habe einen Vorschlag: Schamlosigkeit.

 

Das mag Sie hier irritieren, aber König zeichnet so schamlos, dass er damit immer wider die Wächter über die Tugend und die Sittlichkeit auf den Plan ruft. Er zeichnet die Schwulen, wie sie zusammen Käsekuchen essen und Pornos schauen. Sie wichsen auch dabei und einer bittet höflich, doch abzuwarten, bis er abgespritzt hat, bevor man den Film wechselt. Das ist so und das ist noch harmlos. König zeichnet Sex auch „übergriffig”, die Anmache als Wagnis, es kommt auch Missverständnissen, die mit einer Tracht Prügel enden. König zeichnet die Schwulen im Fummel und in Leder, wie sie Klavierspielen und heiraten, sich verlieben und ihren Trieben folgen, zeichnet nackte Ärsche und nackte Schwänze in allen Positionen –und das alles auch noch formatfüllend.

 

So rief Ralf König schon übereifrige Staatsanwälte auf den Plan, die gelegentlich seine Bücher im Buchhandel beschlagnahmen lassen, oder das Bayerische Landesjugendamt, das mit seinem Indizierungsantrag in Sachen „Bullenklöten” am Ende grandios gescheitert ist. So grandios, dass die FAZ im Anschluss meinte, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hätte geradezu eine Empfehlung für das Buch ausgesprochen. Da hat sie Recht. Wer je in die Verlegenheit gerät, eine Laudatio auf Ralf König halten zu müssen, ist gut beraten, in den Schriftsatz der Bundesprüfstelle zu schauen. Wie heißt es dort?

 

„In exzellenter Zeichnung pointiert der Künstler Alltagssituationen aus dem Homosexuellen-Milieu. Seine "Knollenmännchen" zeichnen sich durch ihre jeweiligen Charaktere aus. … Dabei macht der Künstler auf auch heutzutage immer wieder vorzufindende Vorurteile gegenüber Homosexuellen aufmerksam. Das Comic-Buch enthält viele Varianten menschlichen Lebens, die alle durch selbstironische Überzeichnung Einfühlungsvermögen in den homosexuellen Alltag vermitteln.”

 

Aber man muss nicht gleich an die staatlichen Hüter der heterosexuell-prüden Geschlechterordnung denken – es gibt aber auch schwule Leser, die Königs Alben irritiert beiseite legen und sagen: Nein, so sind wir nicht! Über Schamlosigkeit bei König spricht auch seine Kollegin Franziska Becker, die bei Emma für den feministischen Alltag zuständig ist:

 

„Gut, ich muss manchmal auch schlucken, weil ich ein eher schamhafter Mensch bin”, sagt die begeisterte Leserin von König, nimmt alles aber auch gleich wieder ein bisschen zurück: „Gleichzeitig muss man natürlich auch lachen, weil der sexuelle Akt an sich ja auch eine Art Körperübung ist, die sich in wenigen Variationen immer wiederholt. Und ich finde, das kriegt er eigentlich auch ganz gut hin, dieses Groteske auch, dass man immer etwas Besonderes erleben will und es das dann gar nicht gibt.”

 

„Isoliert betrachtet”, so noch einmal die Bundesprüfstelle, „sind sicherlich manche Zeichnungen so gestaltet, dass man sie als pornographisch bezeichnen könnte. Doch es ist bei einem Werk stets der Gesamteindruck zu berücksichtigen und dieser Gesamteindruck lässt die Beisitzer zu der Überzeugung gelangen, dass hier keine Pornographie vorliegt.”

 

Also doch erst mal eine Entwarnung??

 

Wir ehren heute einen Künstler, der bereits Auszeichnungen als bester deutscher Comic-Zeichner und als bester internationaler Comic-Zeichner, für besondere Zivilcourage und den besten Comic des Jahres bekommen hat. Für Zivilcourage wurde er vor allem wegen seiner Mohamed-Karikaturen ausgezeichnet. Teile der islamischen Welt haben sich darüber aufgeregt, dass ein dänischer Zeichner nicht ganz humorlos mit ihrem Propheten umgegangen ist. Allah hat auch den Humor geschaffen, konterte Ralf König. Die Öffentlichkeit pendelte zwischen Verständnis für die islamischen Kritiker und der Verteidigung der Freiheit der Kunst.

 

„Als Vertreter westlicher Werte und Toleranz entschuldigen wir uns vielmals für unsere Presse- und Meinungsfreiheit!” – so lässt Ralf König drei Repräsentanten unserer Demokratie sich vor einer muslimischen Knollennase verbeugen.

 

„Und euer Sinn für Humor?!” – blafft diese zurück. „Wer entschuldigt sich für euren Sinn für Humor??!”

 

Niemand. Und darum geht es auch!

 

Deshalb sollte man König vielleicht doch besser wegen seines Humors loben: seines genauen Hinschauens, der liebeswürdigen Knollennasen, der hübschen Segelohren, wegen all der guten Eigenschaften, mit denen seine Verlage seine Bücher anpreisen. Mit ihnen hat sich König den Ruf erworben, ein „Chronist des schwulen Alltags” zu sein. Denn auch wenn die Suche nach dem ultimativen Sexerlebnis, dass es dann doch nicht gibt oder das sogar im absoluten Desaster endet, viele der Geschichten dramaturgisch zusammenhält, so geht es doch immer um die ganz normale Knollennase von nebenan mit ihren Sorgen und Nöten, es geht um Eltern und Geschwistern, es geht um Babysitten und Hundehaltung.

 

Vielleicht ist gerade das sein Verdienst: Einen besonderen Beitrag zum Thema Sex und Alltag zu liefern – in all seine Facetten.

 

Seit Dschinn Dschinn, der Geschichte um einen wiedererweckten Flaschengeist aus der Zeit von 1001 Nacht, hat auch das Spannungsverhältnis von Religion und Alltag einen festen Platz in seinem Werk, wobei Religion natürlich nicht zuletzt ganz einfach als Sex mit negativem Vorzeichen verstanden werden kann. Und mit seinen witzigen Geschichten über das Paradies und die Arche Noah hat Ralf König überaus schwerwiegend das Schamgefühl zahlreicher Leser einer Tageszeitung verletzt.

 

Schamlosigkeit, ich bleibe mal dabei. Sie ist vielleicht die Grundlage für alles andere auch. Zumindest für die radikale Ehrlichkeit, die König auszeichnet, die Ironie, die Selbstironie.

Scham verstellt den Blick. Ohne den klaren, unverstellten Blick, der den, der hinschaut, auch mal zusammenzucken lässt, haben Ironie und Humor ihre Grundlage verloren. Worüber sollte man denn lachen? Was bliebe, wäre der Kalauer.

 

Vor allem erzählt König in all seiner Schamlosigkeit auch Liebesgeschichten. In aller Kürze, in aller Länge. Die Freunde Norbert und Walter, die Hauptfiguren in „Der bewegte Mann“, werben um den heterosexuellen Axel. Konrad und Paul, die Helden vieler Kurzgeschichten und Romane, sind ein Paar. Konrad, der etwas vergeistigte Klavierlehrer, ist zudem in seinen minderjährigen Schüler verliebt. Paul lässt sich von dem spanischen Bauarbeiter Ramon und anderen wüsten Kerlen den Verstand rauben. Das ist schamlos auch in einem anderen Sinne: Keine seiner Figuren schämt sich seiner hehren Gefühle, seiner Geilheit, seiner Eskapaden. Über alles wird gesprochen, nichts ist peinlich. Höchstens die eigenen Eltern. Oder Schwester Edeltraut. Und schließlich zeigt König sich als Romantiker. Nicht am Ende der vielen kurzen, pointierten Geschichten, doch am Ende der großen Comic-Romane sieht man seine Knollennasen innig und vertraut beieinander, sehnt sich einer nach all den Eskapaden wieder nach Haus, steht einer belämmert vor der Tür des anderen und der sagt: „Komm erst mal rein.”

 

All diese Geschichten sind viel zu gut beobachtet, um jemals klischeehaft oder kitschig werden zu können. Hinschauen, genau hinschauen, das hilft. König schaut genau hin, erforscht den Alltag dieser merkwürdigen Spezies, entwickelt echte Charaktere, denen er Raum gibt, die er laufen lässt, mal sehen, was passiert. Die ersten Geschichten des jungen Ralf König sind wenig kämpferisch, vielleicht sogar melancholisch. Da träumt ein Junge beim Wichsen von Bernd. „Aber ich bin nicht schwul!“, sagt er sich und schwört, ab morgen an Mädchen zu denken. „Bis zum Coming-out ist’s noch weit“, lautet der auf den Seitenrand gekritzelte Kommentar des Autors.

 

Die Geschichte von Herrn Wörms und Herrn Krüger geht nicht besser aus. Herr Wörms, der sich sein Leben lang versteckt hat, steht an der Bushaltestelle, als eine der ersten Schwulendemonstrationen vorbeizieht.

Unmöglich, wie die sich aufführen, so reden die Leute nebenan.

Man sollte einfach mitgehen, denkt Herr Wörms. Aber wenn mich jemand aus der Firma sieht, oder einer ausm Kegelverein, oder Mama.

„Ach, Scheiss drauf!, sagt er sich, „ich bin schwul und es ist meine Pflicht, da jetzt mitzugehen.“ Eins zwei drei – jetzt! „Guten Tag Herr Wörms, sagt Herr Krüger, der zufällig hinzu kommt. Die beiden lästern ein bisschen über die vorbeiziehenden Schwulen, dann trennen sich ihre Wege. Son Mist, denkt Herr Krüger jetzt auf einmal, gerade wollte ich da mitmarschieren, da taucht dieser Wörms auf. Na, das wär ja fast schief gegangen, denkt Wörms, dieser Krüger kam keine Sekunde zu früh. Zwei Schwule gesetzteren Alters wollen den ersten Schritt nach außen machen – und hindern sich in ihrer Angst gegenseitig. Wenn sie voneinander gewusst hätten, hätten sie sich unterstützen können! „Scheisse, wa? – Ralf König“ steht da drunter.

 

Schwule wollen nicht schwul sein. Der Satz stammt aus Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ – Rosa hat vor zwei Jahren hier gestanden. Ihr Film hat die Schwulen gezeigt, wie sie waren. Und wie sie nicht sein wollten, weil sie doch geachtet werden wollen. Die Homosexuellenorganisationen, die es gab, haben gegen den Film protestiert. Neue, andere, die die Zeichen aufgenommen haben, haben sich in den siebziger Jahren erst gegründet. Sie haben die Gesellschaft mit ihrem Leben konfrontiert, haben gesagt: So sind wir, und so wollen wir akzeptiert werden. In der Gruppe ging das, für den Einzelnen war das damals noch verdammt schwer. „Scheisse, wa?“

 

Ralf König ist in diese Phase der Schwulenbewegung hineingewachsen. Ich weiß nicht, ob er Rosas Film gesehen hat, aber er hat von der ersten Welle, die Rosa von Praunheim und ihre Mitstreiter ausgelöst haben, profitiert, hat schwules Selbstbewusstsein entwickeln können und konfrontiert auf seine Weise die Schwulen mit ihren, mit seinen Wahrheiten. Er bewegte sich aber noch in der schwulen Nische, war 21, als sein erstes Buch erschien – und erfolgreich.

 

Fünf Jahre später erschien „Der bewegte Mann“ bei Rowohlt. Erst auch hier in der Nische – in der Reihe „Rowohlt MANN“. Dann in der Nische fürs Lustige, in der Reihe „Rowohlt Tomate“. Und als der Erfolg sich gar nicht mehr bremsen lies, endlich auch im allgemeinen Programm. König war ein Star. 1994 kam der Spielfilm mit Sönke Wortmann und Katja Rieman in die Kinos. König war ein Mega Star.

 

Ralf König hat sich nicht nur in die Herzen eines schwulen Publikums gezeichnet, er hat sich – lange vor Alfred Biolek, Klaus Wowereit oder Patrick Lindner – auch zu einem Sympathieträger für die Schwulen entwickelt. Er hat sie auf eine Weise zur Kenntlichkeit verzerrt, dass er sie sich selbst und auch der heteronormativen Öffentlichkeit näher gebracht hat.

 

Das ist auch merkwürdig, denn es waren 1986 – man denke nur an die Aids- Hysterie – die Berührungsängste doch so groß, dass sich manch Heterosexueller durchs Schwule abgestoßen fühlt – es bestimmt nicht noch genauer wissen wollte – wie die so sind. Damals erschien „Der bewegte Mann”. Und 1994, als der Kinofilm mehr als 5 Millionen Zuschauer begeisterte, das war das Jahr, in dem beinahe klammheimlich endlich erst der § 175 aus dem StGB gestrichen wurde.

 

Wie konnte Ralf König in einer solchen Zeit zu einem solchen Sympathieträger werden, worauf basiert sein spektakulärer Erfolg? Was war das, was einen schwuler Zeichner mit schwulen Themen plötzlich in den Mainstream katapultierte? Was haben Königs Figuren und Geschichten, dass ihr Erfolg an der Nahtstelle zwischen homosexueller Subkultur und heterosexueller Mehrheitsgesellschaft über mehr als 25 Jahre unvermindert andauert? Was kann das sein?

 

Anfänglich hat er sicher eine bestimmte Neugier befriedigt. Der Geschlechterkampf im Gefolge der Frauenbewegung hat manchem Heterosexuellen ein wenig den Spaß am Sex verdorben. Macho-Männer und feministische Frauen passen eben nicht immer zusammen. Und da kommt dieser Schwule daher und zeigt, wie es bei denen zugeht, die auf Emanzipation untereinander zumindest keine Rücksicht nehmen müssen, die sich andersherum – ganz emanzipatorisch – gelegentlich über das freie, nicht durch Gesetze und nicht durch Moral gebremste Ausleben ihrer Sexualität definieren.

Hinzu kommt: König hat in diesem gerade genannten Sinn in einer Art und Weise über Sex geschrieben und Sex gezeichnet, wie es das sonst nicht gab. Nicht bei den Schwulen, nicht bei den Heteros. Konrad und Paul, Norbert und Walter und die anderen Figuren Königs sind geradezu sexbesoffen. Sie reden über Sex, wie es im wirklichen Leben auch Schwule eher selten tun. Sie reden über schwulen Sex, über Sex unter Gleichen, und sie nutzen, mit Eifer und ohne schlechtes Gewissen, jede sich bietende Gelegenheit, das Thema Nr. 1 zu wälzen. Im Auto beispielsweise.

 

„Ich weiß, was du brauchst, du geile Sau“, sagt der eine zum andern. „Ich stoß ihn dir bis zum Anschlag rein, ich will dich keuchen hören, ich nagel dich in die Matratze, ich fick dich kleiner!“ Punkt. Das ist obszön, wild, ein bißchen verrückt. Aber es ist eine Fantasie und man kann darüber lachen. Wenn so wie gerade zitiert geredet wird, kann das so auch passieren, es hat zwischen zwei Männern wenig Gewalttätiges. Wenn ein Mann das zu einer Frau sagen würde, das wäre – harmlos gesprochen – politisch nicht korrekt und ziemlich machohaft. Das wäre eine Kriegserklärung im Geschlechterkampf, das wäre sexistisch, frauenverachtend.

 

Schwule sind nicht die besseren Menschen – vor allem bei Ralf König nicht. Aber sie sind als Männer erzogen, haben sich daran abarbeiten müssen, keine „richtigen Männer” zu sein – sie können es schaffen, ihre Beziehungen ohne Hierarchie und mit einem spielerischen Rollenverständnis, sogar mit dem Rollenwechsel zu leben. Den Weg dahin – Scheitern und Erfolge – begleitet Ralf König. Darüber kann man lachen. Das Lachen steckt an. Auch Heterosexuelle, auch sie geht das anscheinend etwas an.

 

Die Knollennasen sind verspielt, ihre Schwänze sind ihr liebstes Spielzeug, sie sind neugierig wie bei „Jugend forscht”, abenteuerlustig.

 

Sie wollen immer und träumen davon immer zu können. In ihrer Unbefangenheit liegt eine Chance, eine Möglichkeit, die auch auf Heterosexuelle faszinierend wirken kann. Eine Chance. Wie gesagt. Der gewöhnliche Homosexuelle ist nicht so, aber Ralf König spießt Situationen auf, in denen solche Chancen sichtbar werden.

 

Sexualität und Liebe, Geschlechterrollen und Beziehungsdschungel, Geilheit und das, was sich dem Anstand und der political correctness nach gehört – Ralf König berührt seine Leser, egal ob Homos oder Heteros, an einer Stelle, die noch immer von Verunsicherungen geprägt ist. Er legt den Buntstift in die Wunden, lässt die Leser über seine Figuren und damit immer auch über sich selbst lachen, tröstet sie. Seine Geschichten öffnen den Raum für eine befreite Sexualität in doppeltem Sinne: Frei von moralinsauren Regeln, gesellschaftlichen und religiösen Tabus, lustvoll und anarchisch, frei aber auch von den Überfrachtungen und überdimensionierten Erwartungen, die seine Figuren immer wieder so komisch aussehen lassen.

 

Dafür, lieber Ralf König, wollen wir Danke sagen,

das ist, nach all den Preisen und Auszeichnungen bisher, auch den „Rosa Courage Preises für den Einsatz und besonderes Engagement für die Rechte und Bedürfnisse von Lesben und Schwulen” wert.

 

Herzlichen Glückwunsch.